Vor 80 Jahren: Befreiung vom Nazi-Regime durch die amerikanischen Truppen am 28.03.1945 in Heuchelheim
Vormittags näherten sich von Atzbach her die amerikanischen Truppen. Zur Schonung ihrer Infanterie-Soldaten kamen zur Eroberung von Feindesland Artillerie, Panzer und Flugzeuge zum Einsatz. Zum Zeichen der Aufgabe hatte die Heuchelheimer Bevölkerung weiße Fahnen ausgehängt. Allerdings waren zur Verteidigung noch 4 Batterien Artillerie eingesetzt, Am Kinzenbacher Bahnhof, beim Allendorfer Wäldchen, Auf der Hardt und Auf dem Langen Furt nahe Abendstern. Diese Batterien schossen 2 amerikanische Panzer und 2 Benzinlastwagen ab, was heftiges Feuer der Amerikaner zur Niederkämpfung dieser Stellungen zur Folge hatte. Granaten davon beschädigten Gebäude an Giebeln und Dächern in Heuchelheim und Kinzenbach. Gegen Abend war der Kampf beendet. Er hatte 4 deutschen Soldaten der Flakstellungen (Flak=Fliegerabwehrkanone) durch ihren sinnlosen Kampf das Leben gekostet. Drei wurden später auf dem Heuchelheimer- und einer auf dem Kinzenbacher Friedhof beerdigt. Zivilpersonen waren nicht zu Schaden gekommen. Ein amerikanischer Soldat verlor sein Leben dadurch, dass er mit seinem Militärfahrzeug am Dorfausgang nach Gießen ohne Kampfeinwirkung gegen einen Baum gerast war. Die Besatzer veranlassten, dass die Dorfbevölkerung sofort auf das Kreuz zusammenzurufen war, um ihnen die neuen Verhaltensmaßregeln bekannt zu geben. Alle Schusswaffen, Fotoapparate, Ferngläser und Radios waren auf dem Rathaus abzuliefern. Von abends 19 bis morgens 6 Uhr durfte niemand sein Haus verlassen. Bei Hausdurchsuchungen wurde nach versteckten Militärangehörigen und Waffen gesucht. Dabei waren die Amerikaner auch auf Schnaps und Wein scharf und auch das Eingemachte wurde nicht verschont. Die Besatzer setzten Bürgermeister Friedrich Karl Rinn ab und Bauunternehmer Ludwig Schneider neu als kommissarischen Bürgermeister ein. Dieser hatte sich den Schüler Hans Kreiling als Dolmetscher zu Hilfe genommen, der in der Schule bereits entsprechend Englisch gelernt hatte. Hans Kreiling war später über 20 Jahre Bürgermeister der südhessischen Stadt Langen. Nach dem 28.03.45 rollte eine ganze Stunde lang Panzer hinter Panzer und Nachschub auf LKW’s durch unser Dorf. Die Panzerfahrer waren meist farbige Soldaten. Auf dem Sportplatz Geiersberg wurde ein Depot eingerichtet. Beliebt bei Kindern waren dort gerade die dunkelhäutigen Soldaten, denn diese verteilten bisher ihnen unbekannte Raritäten wie Apfelsinen und Schokolade. Aufgrund des Ernährungsnotstandes verteilten die Amerikaner Schulspeisung (Haferschleim, Maisbrei, Erbsensuppe usw.) an die Kinder. Elli Rinn, Jahrgang 1931, erinnerte sich an ihre Konfirmation im Frühjahr 1945: „Die Vorstellung fand wegen dauernder Tieffliegerangriffe bereits um 6 Uhr morgens in der Kirche statt. Trotzdem mussten Besucher auf dem Heimweg wegen entsprechender Angriffe in Höfe flüchten. Die Konfirmation fand dann kurz nach dem Einmarsch der Amerikaner statt und während des Einsegnungsgottesdienstes spazierte ein amerikanischer Soldat mit präsentiertem Gewehr durch die Kirche.“
Ferdinand Herget aus Berlin, der als damaliger deutscher Soldat in 2010 seine einstige Kampfstätte am Abendstern, Auf dem langen Furt, zu finden versuchte, berichtete: „Unsere Batterie von sechs 8,8 cm Geschützen wurde vorwiegend von 16- u. 17-jährigen bedient. 2 Offiziere befehligten uns. Auf Befehl mussten die Kanonen von Luft- auf Erdkampf umgestellt werden. Wir schossen einen amerikanischen Panzer und einen Lastwagen manövrierunfähig. Dann brach die Hölle los. Im Gegenfeuer hatte ich mich wie ein Maulwurf in ein Loch vergraben. Als eine Feuerpause eintrat, rannten wir, die noch rennen konnten, los. und wir wurden sogleich von den Amerikaner gefangen genommen. Ein Amerikaner, er hätte mein Vater sein können, schüttelte immer wieder den Kopf. Er konnte es nicht begreifen, dass man Kinder in den Krieg schickte.“
Von den nicht durch Panzerbeschuss zerstörten Kanonen entfernten die Amerikaner die Ladevorrichtungen. Auf der anderen Seite der Kinzenbacher Straße, noch vor dem Bieberbach, stand eine Mannschaftsbaracke, in der auch Karabiner und Munition gelagert wurden. Die Gewehrkolben der Karabiner wurden von den Amerikanern zerschlagen. Die in der Stellung vorhandenen Sprenggranaten zur Flugzeugabwehr und die für den Erdbeschuss panzerbrechende Munition musste nach einigen Tagen von Heuchelheimern unter Aufsicht der US-Armee entfernt und in dem nahen kleinen Steinbruch zur Abholung zwischengelagert werden. Hierbei mussten die Hitlerjungen und die älteren Buben, deren Eltern in der NSDAP gewesen waren, helfen. Die Gewehrpatronen wurden in die Splittergräben verbracht und diese zugeschaufelt. Der Sichtschutz aus aufgetürmten Heckenschnitt und Astwerk verschwand in Form von Backhauswellen in den Heuchelheimern Dorfbackhäusern.
Die Amerikaner bauten das Flughafengelände in Gießen zum größten Nachschubdepot aus. Die hier tätigen, zahlreichen Offiziere und Wehrmachtsangehörige mussten untergebracht werden. Da hierzu die Häuser in Gießen nicht ausreichten, wurden in Heuchelheim 34 der neuesten und schönsten Häuser beschlagnahmt. Die hiesigen Bewohner kamen bei Verwandten oder anderweitig beengt unter (über die Einquartierungen durch die Besatzungsmacht von 1945 bis 1956 wurde ausführlich am 25.11.2021 in den Gemeindenachrichten unter Ortschronik berichtet). Wenn man bedenkt, dass ab Februar 1946 allein Heuchelheim noch rund 900 Vertriebene, meist aus dem Sudetenland, aufnehmen musste, die ohne wesentliche Habe hier ankamen, so fragt man sich heute, wie es dann doch später alsbald möglich war, die größte Wohnungsnot infolge der mit Bewohnern vollgestopften Häusern, aufzulösen. Zum Thema Kriegsende und Nachkriegszeit, wozu vor 20 Jahren am 24.04.2005 vom Kulturring ein Erzähl-Café mit damals noch genügend kompetenten Zeitzeugen und anschließend eine Ausstellung im Heimatmuseum stattfanden, wird im Mai, zu dann 80 Jahre Kriegsende, hier erneut zu berichten sein.
Heimat- und Geschichtsverein Heuchelheim-Kinzenbach e.V. Arbeitskreis Ortsgeschichte