Hessenkrieg vor 375 Jahren - Heimat- und Geschichtsverein Heuchelheim-Kinzenbach e.V.

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Zerstörung von Heuchelheim, Königsberg und Burg Gleiberg vor 375 Jahren in 1646

Heuchelheim und andere Orte vor der Festungsstadt Gießen waren im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) stark durch durchziehende Truppen betroffen. Am schlimmsten war dies im sogenannten Hessenkrieg, der innerhalb des 30-jährigen Krieges 1643 zwischen den landgräflichen Linien Hessen Kassel und Hessen-Darmstadt um das Erbe der 1604 ausgestorbenen Marburger Linie ausbrach. Landgraf Philipp der Großmütige hatte seine Hessenlande testamentarisch auf seine vier ehelichen Söhne aufgeteilt in Hessen-Kassel, Hessen Marburg, Hessen-Darmstadt und Hessen-Rheinfels. Nach Aussterben zweier Linien waren nur noch die Landgrafschaften Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt übriggeblieben. Oberhessen, wozu auch die Gießener Lande mit Heuchelheim gehörten, war ursprünglich erblich an Hessen Marburg gefallen und wurde jetzt infolge des Bruderzwists zwischen Kassel und Darmstadt zum Kriegsschauplatz.    Für den noch unmündigen Sohn führte seine Mutter Amalie die Regierung Hessen-Kassels. Sie machte Ihre Ansprüche auf Hessen-Marburg geltend, verbündete sich mit den Schweden und ließ ihre niederhessischen und schwedischen Truppen zwecks Vereinnahmung in Oberhessen einrücken. Landgraf Georg von Darmstadt befahl, auf den Vetzberg, den Gleiberg und den Schiffenberg eigene Besatzungen zu legen. Dabei wurde die Burg Gleiberg von niederhessischen Truppen unter General Geyso in Brand geschossen, so dass sich die hessisch-darmstädtische Besatzung ergeben musste. Die Oberburg blieb seit der Zeit Ruine und Teile der Anlagen wurden zur Materialgewinnung abgebrochen.

Heuchelheimer Männer mussten während des Hessenkrieges in der Festungsstadt Gießen wachen. Der Schultheiß, der normal in Heuchelheim wohnte und von hier seine Amtsgeschäfte ausübte, wohnte jetzt im sicheren Gießen und kam öfters nach Heuchelheim heraus, um seine Befehle zu erteilen. Am 06.06.1646, eine Woche vor Pfingsten, eroberten die Schweden Königsberg und zerstörten auch die dortige Kirche. Heuchelheim war auch stärker befestigt worden, mit Graben, einem hohen Plankenzaun und mit 3 Falltoren. Der Kirchhof um die Wehrkirche wurde mit Palisaden gesichert. Der Heuchelheimer Ludwig Becker hatte damals aufgezeichnet, dass die schwedischen Truppen 10 Tage bei Wetzlar gelagert hatten und dann Heuchelheim samt Kirchhof mit Kirche eroberten. Die schwedischen und niederhessischen Eroberer steckten Heuchelheim an und es verbrannten 86 Häuser, 83 Scheunen und 98 große und kleine Ställe. Es wurden von den Flammen verschont nur die Wehrkirche, das Pfarrhaus (1905 durch ein neues ersetzt), am Dorfrand das Anwesen Bachstraße 40 (Kreiling, abgerissen zur Verbreiterung der Bachstraße um 1964) sowie das Anwesen Brauhausstr. 18/20 (Fachwerkbau auf der anderen Bieberbachseite gegenüber dem alten Rathaus), in dem vermutlich der Schultheiß gewohnt hatte. Das Abbrennen des Dorfes erfolgte in 2 Abschnitten; jeweils 3 Tage voneinander wurde das gesamte Dorf bis auf die Kirche, das Pfarrhaus und 2 Häuser am Dorfrand um das Pfingstfest 1646 eingeäschert. Kurz nach Pfingsten brachen die schwedischen und niederhessischen Truppen von Wetzlar her auf und zogen nach Kirchhain weiter.

Ein weiterer Angriff auf Gießen erfolgte am 12. Juli 1646. Dazu schreibt ein Chronist: “Da hat Gott ein großes Donner-, Hagel- und Schlagwetter geschickt, daß das Wasser tief in allen Feldlagern gestanden und die angebundenen Pferde sich losgerissen und teils in der Lahn umgekommen, teils sonst zerstreut, und die Soldaten dermaßen erschreckt, daß sie Gießen in Frieden lassen haben und sich selbst bekennen müssen, Gott stritte für die Stadt.“

Ende des Jahres 1647 kam es zu einem Vergleich. Der Landgraf von Hessen-Darmstadt trat den Marburger Teil von Oberhessen an Hessen-Kassel ab und die Grenze zwischen Hessen Kassel u. Hessen Darmstadt wurde etwa nördlich von Staufenberg gezogen (heutiger Kreis Gießen zum Kreis Marburg-Biedenkopf).

Als der Dreißigjährige Krieg durch den Frieden von Münster und Osnabrück 1648 endlich beendet wurde, erfolgte eine politische Landesvisitation. Es gab in Heuchelheim noch 47 Familien, 26 Pferde, 4 Paar entliehene Ochsen, 75 Kühe und keine Schafe mehr. Es wurden damals nur 130 Morgen (32,5 ha) Land bebaut, die übrigen Ackerflächen und Weinberge waren wüst gefallen. Zu Beginn des Krieges lebten im Jahre 1620 in Heuchelheim 90 Familien und 420 Einwohner; im Jahre 1648 waren es nur noch 212, so dass die Einwohnerzahl in diesen knapp 30 Kriegsjahren praktisch um die Hälfte geschrumpft ist. Nach 30 Jahren erschöpfte sich dieser Krieg, weil selbst für die Soldateska in diesem zerstörten und ausgeplünderten Land weder genügend Nahrung noch sonstiges für sie Brauchbares vorhanden war. Keine Kriegspartei konnte sich zum Sieger erklären. Es war im Wesentlichen ein schlimmer Religionskrieg, so wie es leider bis heute immer wieder welche auf der Welt zu geben scheint.

Um das Elend der Dorfbevölkerung zu mildern und als Aufbauhilfe für das Dorf wurde eine große Glocke im Kirchturm an einen Gießener Kaufmann verkauft. Nach Ende des Krieges wurden nach und nach die Häuser und Hofreiten wieder aufgebaut, auch ein Schulhaus sowie das Gemeindebrauhaus am Bieberbach (heute Standort altes Rathaus). Knapp 100 Jahre blieb das Dorf weitgehend von Kriegen verschont und konnte sich wieder wirtschaftlich erholen. Erst ab 1745 wurde unsere Gegend wieder mehr von Kriegshandlungen betroffen, besonders im Jahre 1759 als im Siebenjährigen Krieg um Schlesien zwischen Preußenkönig Friedrich dem Großen und der habsburgischen Kaiserin Maria Theresia sich die Frontlinie hier südlich und nördlich der Lahn befand. Heuchelheim lag zwischen den feindlichen Parteien und die Bewohner lebten bis zum unerwartetem Abzug der Truppen mehrere Monate in ständiger Angst.

Als Dank für die Beendigung des Dreißigjährigen Krieges wird werktags vom Heuchelheimer Kirchturm mit der mittleren und der kleinsten Glocke geläutet. Die mittlere Kirchenglocke war im 2. Weltkrieg aus dem Turm ausgebaut und zur Einschmelzung für Kriegszwecke abtransportiert worden. Während eines Verwandtenbesuchs zu Pfingsten 1947 in Hamburg hat Ernst Werner Bepler die Glocke auf dem Glockenfriedhof in Hamburg-Wilhelmsburg entdeckt. Die Glocke wurde am 12.09.1947 nach Heuchelheim zurückgebracht und im Oktober 1947 wieder im Kirchturm aufgehängt.

Heimat- und Geschichtsverein Heuchelheim-Kinzenbach e.V. / Arbeitskreis Ortsgeschichte
Online seit dem 27.12.2020
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